Der Regen fiel unaufhörlich auf die Straßen von Seattle, als Si‑ran den Motor ihres Wagens startete. Die Stadt lag unter einer Decke aus Nebel, die Lichter verschwammen und für einen Moment schien die Welt den Atem anzuhalten. Nur das tiefe Grollen des Motors durchbrach die Stille - ein Klang, der sich für die junge Frau wie ein Herzschlag anfühlte. Nicht ihr eigener, sondern der eines Wesens, das sie selbst erschaffen hatte.
Der schwarze Wagen vibrierte unter ihr, als würde er leben, die Sitze rochen nach Leder und Öl, das Armaturenbrett glühte in einem warmen Rot und draußen spiegelten sich die Neonlichter der Stadt in den Pfützen.
Sie legte den ersten Gang ein und während sie losfuhr, die Reifen das Wasser aufschnitten und die Stadt an ihr vorbeizog, wusste sie:
Das war der einzige Ort, an dem sie wirklich existierte. Nicht auf einer Gala voller High Society Lächeln, auf dem Eis, wo Perfektion wichtiger war als Freude oder in einem Haus, das sie formte, aber nie richtig verstand.Nie wirklich sah, wer sie wirklich war und sein wollte.
Sondern hier zwischen Asphalt und Geschwindigkeit, Dunkelheit und Freiheit.
Si‑ran war in einer Welt aufgewachsen, die funkelte und glänzte - aber nie die Wärme versprach, die sie eigentlich brauchte. Die wohl jedes Kind brauchte..
Ihre Eltern gehörten zur High Society Seouls, Menschen, deren Leben aus Empfängen, Galerien, Charity Veranstaltungen und makellosen Fassaden bestand.
Ihre Mutter, eine ehemalige Primaballerina, bewegte sich durch das Haus wie eine Statue aus Porzellan. Ihr Vater, ein einflussreicher Kulturmagnat, kannte nur die Sprache des Erfolgs - von Liebe hatte er wohl wenig Ahnung. Dabei war es eigentlich das, was seine Tochter eigentlich gebraucht hätte: Liebe und Verständnis.
Für die Außenwelt waren sie perfekt, wie eine Familie aus dem Bilderbuch. Dass das alles nur Fassade war und nicht dem entsprach, was im Inneren eigentlich passierte, sah niemand - oder wollte eher jeder verdrängen.
Schon in den ersten Jahren ihres Lebens wurde sie in die Welt des Eiskunstlaufens gedrängt. Kaum war sie vier Jahre alt, zwang man sie förmlich aufs Eis und lernte, dass fallen keine Option war und später, dass ein Mädchen in ihrer Position nicht weinte.
„Nur Perfektion hat Liebe verdient“, sagte ihre Mutter einmal.
Si‑ran verstand damals nicht, wie falsch dieser Satz war.
Ihre ältere Schwester war der einzige Mensch, der sie wirklich sah.
Sie stellte Wärme in einem Haus aus Glas dar, war diejenige, die ihr heimlich Schokolade zusteckte, diejenige, die ihr die Haare flochte, wenn sie weinte und sagte:
„Du musst nicht perfekt sein, um du zu sein. Wir brauchen sie nicht, sondern nur uns“
Damals glaubte das kleine Mädchen ihr nicht - heute wünschte sie, sie hätte es getan.
Als Si‑ran gerade einmal zehn Jahre alt war, zog die Familie nach Seattle. Ein Umzug, der für sie unglaublich viel Stress und Unmut in ihr hervorrief. Sie wollte nicht weg, nicht weg von dem, was sie kannte. Wollte nicht weg von ihren Freunden, die ihr alles auf dieser Welt bedeuteten. Außer ihrer Schwester hatte sie nun nichts und niemanden mehr in einem neuen Land, mit einer neuen Sprache, aber denselben Erwartungen.
Trotzdem hatte Seattle etwas an sich, das Seoul ihr nie gegeben hatte: Ecken, Kanten und Risse durch die nicht nur ihre Freiheit sickern konnte.
Während ihre Eltern sich in die amerikanische High Society einfügten und begannen ihre Netze zu spinnen, fand Si‑ran etwas anderes: ihre Vorliebe und Leidenschaft für Autos.
Dabei war es wohl fürs Erste dem Zufall geschuldet, als sie einen Nachbarsjungen dabei zusah, wie er an alten Autos schraubte. Das junge Mädchen blieb stehen, fasziniert von dem Klang des Motos, der nicht vorgab, etwas anderes zu sein. Für sie war es was völlig Neues in einer Welt, in der so viel gelogen wird, um dazuzugehören.
Sie begann heimlich Videos zu schauen, in Foren zu lesen, kleine Reparaturen an alten Rollern und Schrottplatzfunden zu üben. Ihre Hände rochen nach Öl, ihre Fingernägel waren schwarz, und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich nicht schuldig dafür, etwas zu lieben. Irgendwann sprach sie den Nachbarsjungen drauf an und fragte ihn, ob sie ihm helfen konnte und mitfahren durfte, wenn er den Wagen fuhr. Natürlich war er überrascht, dass sie sich zum einen überhaupt für Autos interessierte und zum anderen den Mut fand ihn einfach darauf anzusprechen, wo sie doch die letzten Wochen einfach nur beobachtet hatte - denn natürlich war es ihm nicht entgangen.
Mit vierzehn sah sie zum ersten Mal dabei zu wie er mit ein paar Kumpels in einem verlassenen Industriegebiet driftete. Es war chaotisch, die Imperfektion in Person und wild - aber das Schönste, was sie zu dem Zeitpunkt je gesehen hatte. Zwei Jahre später war es dann soweit, dass sie ihr erstes illegales Rennen fuhr und verlor - aber sie fühlte sich lebendiger als je zuvor. Sie wusste, ihr bester Freund, den sie auf der High School kennengelernt hatte, würde es nicht gutheißen, was sie tat - es wäre zu gefährlich und doch würde sie damit nicht aufhören. Es war das, was sie zum ersten mal so richtig glücklich machte. Si-ran beschloss also in der Racing Szene ein Geheimnis um ihre Identität zu machen, trug stets Perücke und Maske als auch einen Künstlernamen: Nyx. In der Hoffnung, dass er so nie davon erfahren würde. Ihr tat es weh, ihm nichts davon zu erzählen - wo sie sonst doch keine Geheimnisse voreinander hatten - und doch empfand sie es als das Richtige. Für beide Seiten.
Jahre später erzählte man sich schon Geschichten über sie, manche aus Faszination, andere aus Furcht. Manchmal fragte man sich, ob sie überhaupt wirklich existierte und sie nicht nur ein Gerücht war, das man in die Welt gesetzt hatte. Ein Mythos.
Wann genau sie sich daraufhin den Heathens angeschlossen hatte, konnte keiner so wirklich sagen, aber von jahr zu Jahr wurden sie für Si-ran zu ihrer ersten richtigen Familie. Eine, der es egal war, woher du kommst, wie viel Geld du hast oder welchen Namen du hast. Eine, in der nur zählte, was du bereit bist zu geben. Die junge Moon gab alles, was sie hatte: Mut, Herzblut und ihre Leidenschaft für Autos und Rennen. Sei es Drag, Drift oder Speed. Sie kam mit allem klar, auch wenn der Drift wohl ihre Spezialität darstellte. Für jede Art von Rennen hatte sie sich einen eigenen Wagen zusammengebaut, der ihre Handschrift trug. Jedes Auto war für sie ein Wesen, das sie erschaffen hatte, jedes einzelne war für sie ein Baby, das am besten niemand anderer außer sie fuhr.
Der Regen ließ nach, als sie die Stadtgrenze erreichte - in den verlassenen Industriegebieten wartete die Szene bereits, Motoren waren im Leerlauf, Stimmen, die durch die Dunkelheit hallten, Musik, die den Boden vibrieren ließ.
Niemand sprach sie an und doch kannten sie alle und wussten, was sie konnte. .
Ein breitschultriger Mann trat auf sie zu, sein Grinsen eine Mischung aus Respekt und Herausforderung.
„Du bist spät.“
„Ich bin hier“, war alles, was sie darauf erwiderte und doch war ein Anflug eines Schmunzelns auf ihren Lippen zu erkennen.
Er lachte.
„Heute gibt es wieder viele, die es drauf anlegen, gegen dich zu fahren.“
„Sollen sie.“ Keine Sekunde später stieg sie wieder in ihren Wagen, bereit darauf, das erste Rennen zu starten.
Moon Si‑ran war längst kein perfektes Mädchen mehr, das sie früher einmal spielte. Keine Marionette oder Trophäe. Das Eiskunstlaufen hatte sie, um den Schein zu wahren, noch nicht an den Nagel gehängt - arbeitet nebenberuflich jedoch nur noch als Trainerin. Etwas, was sie als Kompromiss eingehen musste, damit sie sich ihr Studium selbst aussuchen durfte: Fahrzeugtechnik. Natürlich ahnte niemand, was der eigentliche Grund dafür war wegen ihrer geheimen Identität.
Seit kurzem hatte sie ihren Master in der Tasche und kaufte sich eine kleine Werkstatt, um offiziell als Fahrzeugtechnikerin zu arbeiten. Dass es lediglich Tarnung ist, um nun freier an ihren eigenen Autos zu arbeiten, wusste außer ihr wohl niemand.