TW; Extreme Frühgeburt, Behinderung
Der Start ins Leben ist nicht immer gleich oder rosig. Im Fall von Estelle Hale aus Utah – wobei nur ihr Vater gebürtig aus einem Städtchen in eben diesem Bundesstaat stammt, während ihre Mutter, eine Tochter der Familie Rothschild aus New York ist – verlief der Anfang alles andere als einfach. In der 23. Schwangerschaftswoche bekam ihre Mutter plötzlich Wehen, ausgelöst durch eine Infektion, die sie sich bei einem Verwandtenbesuch im Krankenhaus zugezogen hatte. Die Ärzte versuchten vergeblich, die Geburt der heute 24-Jährigen aufzuhalten – jedoch ohne Erfolg. So begann Estelles Leben viel zu früh. Die nächsten Wochen und Monate verbrachte das kleine Bündel auf der Intensivstation in Salt Lake City – etwa vier Stunden Fahrzeit pro Strecke für ihre Eltern. Die ständige Doppelbelastung durch ein schwer krankes Frühchen auf der Neonatologie, die Ranch und zwei gesunde Söhne war für ihre Eltern eine herausfordernde Zeit. Manchmal wechselten sie sich ab, einer blieb im Krankenhaus. Das Städtchen, aus dem Estelles Vater stammt und in dem die Familie lebt, verfügte zwar über ein Krankenhaus, war aber auf einen derart komplexen Fall wie den von Estelle nicht vorbereitet. Ganze fünf Monate verbrachte das kleine Mädchen in einem Brutkasten im Krankenhaus von Salt Lake City. Die Behandlungskosten hätten Estelles Vater allein nie stemmen können – daher sprangen die Eltern ihrer Mutter ein, die vor ihrer Heirat zur High Society New Yorks gehörte. Immerhin trug ihre Mutter vor der Hochzeit den Nachnamen Rothschild. Nach fünf langen Monaten und unzähligen Behandlungskosten konnte das kleine Mädchen – das auch danach noch nicht wie ein ausgetragenes Baby wirkte, sondern klein und zierlich blieb – endlich zu ihrer Familie zurückkehren.
Ihre Kindheit und die Zeit bis zur Middle School verbrachte die dunkelhaarige Estelle in dem Städtchen, in dem die Familie ihres Vaters seit Generationen lebt. Unzählige Fahrten zu Frühförderungen und Arztterminen prägten diese Zeit – bedingt durch die extreme Frühgeburt in der 23. Woche sowie die periventrikuläre Leukomalazie (PVL). Dennoch war es eine schöne und glückliche Kindheit, auch wenn nicht immer alles leicht war. Die Frühgeburt hinterließ Spuren: Estelle musste eine starke Brille wegen einer Netzhautablösung (Ablatio retinae) tragen, die sie sich während der ersten fünf Lebensmonate zugezogen hatte. Heute trägt sie Kontaktlinsen, darf jedoch aufgrund ihrer Sehbehinderung keinen Führerschein machen. Hinzu kommen kognitive Beeinträchtigungen wie Dyskalkulie, Legasthenie und eine exekutive Dysfunktion. Außerdem bestehen neurologische Besonderheiten wie eine atypische neuronale Vernetzung und eine Dysgenese des Corpus Callosum, die sich bei Estelle durch eine verlangsamte Verarbeitungsgeschwindigkeit und Defizite im Arbeitsgedächtnis äußern.
Diese Herausforderungen führten während ihrer Schulzeit zu erheblichen Problemen – so gravierend, dass sich die Familie ab der Middle School entschied, Estelle in New York, in der Heimat ihrer Mutter, auf eine spezielle private Förderschule zu schicken. Trotz intensiver Förderung erreichte Estelle lediglich einen soliden, aber nicht herausragenden Schulabschluss. Danach kehrte sie zunächst auf die elterliche Ranch zurück, um dort einige Monate nach bestem Wissen und Gewissen mitzuhelfen. Als einer ihrer älteren Brüder einen NHL-Vertrag bei den Seattle Kraken unterschrieb, zog die mittlerweile 24-Jährige schließlich nach Seattle, in die Penthouse Wohnung ihres Bruders, der sich dank seiner Karriere als Center, durchaus leisten kann das Estelle ohne Miete zu zahlen bei ihm wohnt.
Um Estelle ein möglichst selbstständiges Leben zu ermöglichen und gleichzeitig eine konstante Betreuung sicherzustellen, engagierte die Familie eine professionelle Assistenzkraft. Der ausgebildete heilpädagogische Fachbegleiter lebt mit Estelle in einer barrierearmen Wohnung in einer ruhigen Wohngegend. Das Wohnmodell orientiert sich am Konzept des betreuten Wohnens für Menschen mit kognitiven Besonderheiten: Der Assistent unterstützt Estelle bei organisatorischen Aufgaben wie Arztterminen, Behördengängen und Einkäufen, begleitet sie bei Bedarf in sozialen Situationen und sorgt für eine strukturierte Tagesroutine. Zwischen beiden entwickelte sich im Laufe der Zeit eine respektvolle, vertrauensvolle Beziehung, in der Estelle sich sicher und angenommen fühlt. Estelle arbeitet stundenweise in einem kleinen Café im Viertel – einem sogenannten Integrationsbetrieb, der durch Fördermittel unterstützt wird und gezielt Menschen mit Behinderungen berufliche Teilhabe ermöglicht. Dort übernimmt sie einfache Tätigkeiten wie Ordnung halten, mit Kunden plaudern und Blumen arrangieren. Ihre große Freundlichkeit und ihre Begeisterung für Eishockey oder Motorräder und Autos machen sie bei den Gästen sehr beliebt. Seattle atmet schließlich die Luft aus Benzin sowie die kalte Luft der Eishalle.
In ihrer Freizeit widmet sich Estelle mit Leidenschaft dem Eishockey. Sie verbringt sämtliche Freizeit neben oder auf der Eisfläche. Doch auch Schallplatten sowie Motorräder – auch wenn sie selbst keinen Früherschein machen darf und somit nur als Sozia diesen Kick erleben darf – zählen für die Dunkelhaarige Frau zu ihren Interessen, die sie wunderbar in Seattle nachgehen kann.