Was ist, wenn das Paradies nicht echt ist? Was bedeutet es also wirklich den Himmel auf Erden zu leben? Bedeutet es, ein Leben im Überfluss zu haben? Ohne Sorgen? Ohne Grenzen, ohne Konsequenzen - zumindest nicht für die, die die Regeln machen? Sie aufsetzen und an das untere Fußvolk diktieren? Aber was ist, wenn die wahre Hölle nicht der Schmerz ist, den andere dir zufügen oder du dir selber sondern der goldene Käfig, in dem du aufgewachsen bist? Sicherheit gesponnen durch Intrigen, Macht, Geld und Erwartungen. Und das ist eine Realität, in der du bedauerlicherweise nie gelernt hast, frei zu atmen, weil dir nicht einmal bewusst war, dass dir seit Geburt an die Luft genommen wurde. Du hast immer nur geatmet, wenn man es dir erlaubt hat. Du hast immer nur geliebt und geklammert aus Angst, ansonsten alles zu verlieren, was dir zumindest den Schein von Sicherheit und Geborgenheit gegeben hat.
Heiße Tränen rannten die Wange herab, über das blasse Gesicht, welches wie ein Spiegelbild voller Schmerz, Schuld fungierte – aber vor allem der bittersüßen Wahrheit. „Das könnt ihr nicht machen“, sagte er, die Stimme kaum mehr als ein Krächzen. Doch das Echo der Worte klang nur höhnisch zurück. „Ein Davenport kann sich solch einen Fehltritt nicht leisten. Und wer bist du schon, zu glauben, du könntest dich um sie kümmern?“ Und somit löste er die kleinen Finger, die sich flehend an seine Hand klammerten. Nicht freiwillig. Niemals freiwillig. Es fühlte sich an, als würde er ein Stück seiner eigenen Seele ausreißen, um sie einem System zu opfern, das nie Platz für Liebe vorgesehen hatte. „Ich werde immer da sein, Indigo.“ Ein stummes Versprechen. Vielleicht das einzige, das er je mit vollem Herzen gab. Aber selbst dieses war zum Scheitern verurteilt – so wie alles, was in dieser Familie nicht auf Geld beruhte.
Eines der wohl bekanntesten Sprichwörter, wenn es um Erben aus elitären Kreisen geht, ist, dass man mit einem goldenem Löffel im Mund geboren wurde. Aber Indigo Claire Davenport hatte nicht nur einen goldenen Löffel im Mund, sondern gleich ein goldenes Besteckset - immer fein säuberlicher arrangiert auf Leinenservietten die perfekt gefaltet waren und poliert auf Hochglanz. Aber egal wie wunderschön schimmernd das Erbe von Indie auch war, es schmeckte immer nach schwerem Blei. Und somit starten wir unsere - oder besser gesagt Ihre - Geschichte in Portland. Geboren in einer Villa auf einem Hügel über der Stadt, wuchs sie als das jüngste Kind der Davenports auf: Einer der mächtigsten Familien der Westküste. Ja, Indigo war regelrecht ein Nachzüglerkind mit dreiundzwanzig Jahren Unterschied zu ihrem ältesten Bruder Killian. Eine äußerst späte Überraschung, mit der niemand geplant hatte, aber was soll man sagen? In der Welt eines Davenports war nicht einmal das Ungeplante frei oder zwanglos. Dem zu folgen lernte die Brünette schon früh, was es bedeutete, sich auch wie eine Davenport zu verhalten. Es war ein Erbe, um das andere sie beneideten noch bevor sie das erste Mal wie auf dem Silbertablett den Medien vorgezeigt wurde. Aber niemand sah, dass nicht nur ihr Tagesablauf sondern ihr gesamtes Leben besser getaktet war als ein Schweizer Uhrwerk. Hauslehrer, Benimmkurse, Klavierstunden gleich nach dem Tennis. Menschen wurden stets mit einem Lächeln entgegen genommen, einem höflichen Nicken und ständigem Parieren. In dieser Welt wurden Fehler nicht korrigiert, sie wurden regelrecht ausgelöscht. Und somit war ihre Kindheit nie in bunten, verschiedenen Farben getaucht, nein, der rote Faden von Regeln, Etikette und Schweigen zog sich vehement durch. Sie wurde so lange geformt, bis sie so glatt war wie das sündhaft teure Porzellan, von dem sie frühstückte. Was nur niemand erahnen konnte war: Indigo war nicht dazu gemacht, glattgeschleift zu werden. Und dennoch passte sie sich nach außen hin an, versuchte die ersten Jahre immer den Erwartungen zu entsprechen: Diszipliniert, bildschön und hochintelligent. Aber schon früh war da immer dieses innerliche Flackern; dieser Kampf zwischen Gehorsam und dem Wunsch, endlich frei zu sein. Einfach mal zu atmen. Was unsere kleine Indie jedoch nicht sah war, dass alles, woran sie glaubte, auf einer gut gestrickten Lüge basierte. Denn auch wenn sie als letztes, von den Medien benanntes "Wunschkind" von George und Kendra Davenport ist, so war sie in Wahrheit das uneheliche Kind von dem Konprinz der Davenports - Killian. Killian hatte mit kaum neunzehn Jahren eine junge Frau geschwängert: Einen No-Name. Keine passende Partie und dementsprechend auch keine Möglichkeit für eine schnelle Ehe. Aber allem voran war es keine Option, dieses Kind, welches Davenport-Blut in sich trug, abzugeben. Denn die erste Regel hinter der Mauer an Marmor war: Ein Fehltritt ist kein Makel, sondern eine Schwäche. Und Davenports sind nicht schwach. Und aus vermeintlich wohltätiger Geste nahmen sich somit offiziell ihre Großeltern dem kleinen Bündel Glück an, damit es nicht wie ein Bastardkind verstoßen werden würde. Aber dieser Fehltritt war ebenso ein Erbe, welches Indigo mit sich tragen musste, tagtäglich. Denn sie war der lebende Beweis für den größten Fehler der Familie (und machte sie das nicht irgendwie zum größten Fehler selbst?). Es war also abzusehen, dass das kleine Mädchen in einem goldenem Käfig aufwachsen würde, wunderschön, kalt und so voller Schatten, dass sie sich immer wieder in der Dunkelheit verlieren würde.
Aber Dunkelheit konnte nur da entstehen, wo auch Sonnenlicht einfiel. Und diese waren zwar selten, aber beständig. Vor allem aber waren es die Nachbarskinder der Valmonts, die Indie immer wieder zeigten, wie man frei atmete und einfach mal Kind war. Sie waren.. wie nannte es George gleich? Bürgerlich reich. Gehobener Mittelstand, aber im Regelfall noch viel zu schlecht für einen Davenport. Jedoch schmolz jedes Herz, wenn man Ginny und Indie zusammen toben und spielen sah im Garten. Wie zwei Seelen, die immer ruhelos auf der Suche nach dem jeweils anderen waren. Mit Ginny fühlte sich Indie endlich.. angekommen. Als wäre Ruhe nicht mehr nur ein Wort, sondern ein Gefühl. Und mit Ginny kam auch ein weiterer Sonnenstrahl in Indigos Leben: Gabriel, oder besser gesagt, Gabe. Gabriel war Ginnys großer Bruder, und wie es so typisch ist, sollte er auch Mensch sein, für den Indigo das erste Mal fallen lernen würde. Leise und heimlich zu Beginn, aber schlussendlich laut und auffällig. Gabe war ganz anders wie Ginny - da wo Ginny vorsichtig und lieb war, war Gabriel laut und unvorsichtig, was ihn nur noch interessanter machte. George duldete die erste große Liebe seiner Jüngsten, jedoch mit dem Wissen, dass daraus nie etwas ernsthaftes werden würde, immerhin würde der Valmont Sohn den Ansprüchen einer Davenport nie gerecht werden. Und damit sollte er wohl Recht behalten, denn war es auch Gabriel Valmont, der Indigo nicht nur die schönen ersten Male bescherte - sondern auch den ersten, unschönen Heartbreak. Die drei verbrachten beinah jeden Sommer in dem hiesigen Sommerhaus der Familie; eine moderne Glasvilla mit Blick auf den Puget Sound, umgeben von privatem Wald, Wasser und dem fast streng sterilem Geruch von Sauberkeit. Jene Sommer waren immer die einzigen Zeiten im Jahr, in denen die kleine Davenport Kind sein durfte; ohne Stammbaum und ohne Etikette. Einfach ein Kind, einfach sie selbst. Und als das mit ihr und Gabe zu Ende ging, sollte man meinen, dass es Brüche in die Bindung zwischen Ginny und Indie brachte, aber nein, ganz im Gegenteil: Sie waren nur noch enger. Ginny trocknete die Tränen, die ihr Bruder verursacht hatte und baute das wieder zusammen, was er mit all den verbalen Vorwürfen und der emotionalen Misshandlung zerstört hatte. In dieser Zeit wuchs das Duo im Sommer um ein neues, drittes Mitglied - Valerija Volkova, die Tochter der einflussreichen, russischen Familie Volkov, mit der die Davenports ohnehin schon über Jahre hinweg eine Art Zwecksfreundschaft führten, wie es nun mal in elitären Kreisen typisch war. Die drei wuchsen zu einem Trio zusammen, von dem niemand wusste, dass man es brauchte, es aber so war. Und zu Valerija gab es noch ihren grumpy Bruder Nikolai - eine Silhouette, die immer versteckt war in der Dunkelheit, ein Sidecharacter, zumindest dachte das Indigo für sehr lange Zeit in ihrem Leben. Aber hatte die Brünette überhaupt jemand eine richtige Ahnung von ihrem Leben?
Mit dem zunehmenden Alter nahm auch die Sturheit Indies zu. Sie hatte keine Lust mehr, nur zu funktionieren. Sie wollte leben. Erst recht, nachdem Ginny so mies zusammengebrochen war und die Diagnose feststand: ein angeborener Herzfehler, der erst einmal medikamentös behandelt werden konnte, aber eine Operation nicht umgehbar sein würde. Es war ein Spiel auf Zeit, und doch stand das einzige, was Indigo immer sicher in ihrem Leben wusste, damit irgendwie auf der Kante. Und sie wollte dementsprechend leben, wie sie es wollte, nicht wie man es von ihr erwartete, weil sie daran erinnert wurde, dass das Leben vergänglich ist. Und das ganze fand natürlich bedauerlicherweise zum Leidwesen ihrer Eltern statt, vor allem aber für ihren Vater: George. Es gab viele schlaflose Nächte, Schweigen am Esstisch und nächtliche Fluchtaktionen in die Tiefen der Nacht. Und somit konnten sie sich nach dem Highschool Abschluss endlich auf einen Pakt einigen: Indigo durfte ausziehen, in das Sommerhaus, in die Stadt von Valerija, mit Ginny im Schlepptau, unter der Voraussetzung, dass sie Wirtschaftspsychologie an der University of Washington studieren würde mit dem Ziel nach mit Bravour bestandenem Studium straight ins Familienbusiness einzusteigen. Immerhin war das ein cleverer Schachzug: Das perfekte Image für die neue Generation der Davenports. Und somit hatte George weniger graue Haare wegen Indigo, aber noch immer die Kontrolle über sie. Und damals redete sich Indigo wirklich ein, dass sie endlich verstand, wie Freiheit schmeckte. Sie war in der Stadt angekommen, mit ihrer besten Freundin, in der sie immer nur das Leben liebte. Atmen konnte, wie es ihr passte. Aber natürlich war abzusehen, dass es hier nicht bei bleiben sollte. Nein, denn kurz nachdem sie sich in der neuen Stadt und an der Uni zurecht fand, und somit auch Valerija und unweigerlich Nikolai öfter sah, konnte sie nicht verheimlichen, dass der ältere Volkov etwas an sich hatte, was sie wider Willen interessant fand. Und als sie die Hiobsbotschaft erreichte, dass er aufgrund unfassbar schwerer Körperverletzung für drei Jahre ins Gefängnis musste, war es, als würde man ihr einen Dolch in den Rücken rammen: Sie besuchte ihn im Gefängnis, unterzog sich jedes Mal der Durchfilzung des Instituts nur um dann von ihm angeschwiegen zu werden. Und doch blieb sie, weil auch Nikolai in all den Jahren eine Konstante wurde, die sie nicht realisiert hatte, bis sie ihr genommen wurde. Und somit fing der wahre Albtraum der neuen Freiheit erst an.
Während Indigo in der Zeit fernab ihrer Familie, aber immer in der Nähe von Ginny, versuchte herauszufinden, wer sie war und was für ein Mensch sie sein will, entglitt ihrem Vater immer mehr die Kontrolle über sie. Er musste kleine Ausrutscher bei der Presse verheimlichen, und sicherstellen, dass der Name Davenport nicht in Verruf geriet. Und dazu gehörte unter Anderem auch, dass sie Abstand von den Volkovs hielt - Valerija hatte sich in der Zeit von Nikolais Verhaftung ohnehin zurückgezogen, egal wie oft Indie es versuchte. Aber als er wieder rauskam, war es natürlich die Davenport Tochter, die ihn bedingungslos mit offenen Armen empfing. Die Zeit war nicht spurlos an ihm vorbei gezogen, er hegte einen Groll, eine Dunkelheit in sich, die wohl jeden anderen abschreckte, aber nicht Indie.. immerhin war sie in der Dunkelheit groß geworden. Somit fühle es sich fast an wie.. Zuhause. Auch wenn sie das niemals laut benennen würde. Aber ihr Vater konnte zwischen den Zeilen lesen und somit musste er eingreifen. Und auch, wenn er sich bei seiner Entscheidung sogar ernsthaft etwas Gutes dachte, brach er noch den letzten Funken Hoffnung, den sie in ihre Beziehung setzte: George hielt vertraglich mit Mister Valmont, der in der Zwischenzeit ein kleines Vermögen aufgebaut hatte, fest, dass Gabe und Indigo heiraten würden. Jetzt denkt man sich womöglich "Ach, da sagt man einfach neinn zu" aber so spielt man nicht in der obersten Liga. Und somit setzte George Indigo vor ein Ultimatum: Entweder sie würde Gabriel heiraten, oder George würde die finanziellen Mittel, die er den Valmonts zur Verfügung stellte für Ginnys medizinische Versorgung, einstellen. Und er würde dafür sorgen, dass ihre Freunde alle einen grausamen (medialen) Tod erleben würden. Und was war schon Indigos Glück im Vergleich zu dem Leben ihrer Freunde? Somit setzte sie ihre Unterschrift unter den rechtsgültigen Ehevertrag und war mit einem Mal Mrs. Gabriel Davenport - groß in den Medien gefeiert, während sie selber hinter geschlossenen Türen komplett unterging; in Gefühlen, die sie nicht verstand und Erinnerungen, die sie wieder zerstörten.
Ganze drei Monate lebte das Nesthäckchen in einem Bilderbuch, dessen Autor ihr vermeintlicher Vater war. Jener, der sie großgezogen hatte (auch wenn die Erziehung selber fragwürdig war) nur um binnen jener Zeitspanne das große Geheimnis zu erfahren, was ihre Abstammung anging. Es war also nicht genug, dass sie wieder vergessen hatte wie man selbstständig atmete, nein, jetzt geriet auch noch jegliche, noch so kleine aber schöne Erinnerung ihrer ganzen Kindheit ins Schwanken. Wie hielt es Killian nur all die Jahre aus, ihr beim Großwerden zuzusehen, aber nie was zu sagen? Wie konnte das passieren, obwohl gefühlt jeder Schritt eines Davenports in den Medien festgehalten und kommentiert wurde? Fragen zu denen sie niemals Antworten erhalten würden, denn an einem Abend wurde alles zu viel. Indigo war zu Besuch bei ihren Eltern, denn Gott, es war noch immer ihre Familie. Und auch wenn ihr so genannter Vater dafür gesorgt hatte, dass sie wochenlang mit einem Mann eingesperrt war, den sie nicht ertragen konnte und sich ihr Herz gefährlich in die Richtung bewegte, die verboten war: Nikolai. Ungeplant und ungewollt. Und als sie versuchte ihren Vater erneut anzubetteln, die Ehe aufzulösen, das sie sich auch sämtlicher seiner Anforderungen beugen würde, wenn sie wenigstens mit dem einen Menschen zusammen sein durfte, der sie sah - so wie sie war, nicht als die Erbin, als die sie geboren wurde, kam es zu dem tragischen Unfall. Es war ein Streit. Das Messer. Ein Unfall. (Es war doch ein Unfall, oder?) Ihr Vater - naja, ehrlich ja gesagt ihr Großvater - nutzte wieder Worte wie geladene Waffen. Und er griff sie, wieder Mal zu fest, aber nicht so fest wie die letzten Male, und während sich Indigo versuchte aus dem Griff zu befreien, der Kontrolle zu entkommen, da passierte es. Während sie sich losriss, glitt das Messer ab und stieß sich unmittelbar in seinen Rippenbogen vor. Und dann war da nur.. Stille. Und Blutt. Gott verdammt, so viel Blut. Und als George im Krankenhaus behandelt wurde und ins künstliche Koma fiel, fiel Indigo in die niemals enende Schuld. Und während ihr Großvater wochenlang zwischen Leben und Tod schwebte, nutzte sie die wenigen klaren Momente und reichte die Scheidung ein. Es gab wohl keine Möglichkeit den Valentinstag besser zu verbringen, als sich scheiden zu lassen, oder nicht? Und als es endlich so schien, als würde sich alles einrenken, als würde es endlich Berg auf gehen, da kam der fatale Anruf: George Davenport war verstorben. Er war gegangen ohne letzte Worte, ohne Wiedergutmachung. Ohne aufzuwachen. Und damit erschlug Indigo eine Welle, die ihr zeigte, wie es sich anfühlte lebendig zu ertrinken.
Und dann kam der Tag, an dem das Testament eröffnet wurde.
Das Testament wurde eröffnet.
Indigo wurde zur Erbin des gesamten Davenport-Imperiums ernannt.
Ausgerechnet die uneheliche Tochter. Der Familienfehler. Jetzt der Kopf eines Multi-Milliarden-Vermögens. Es war ein letzter Hohn – oder vielleicht doch eine letzte Reue? Egal, was es war: Seit diesem Tag lebt Indigo mit dem Wissen, ihren Vater getötet zu haben. Mit der Last eines Nachnamens, den sie nie ablegen konnte. Und mit der Verantwortung, ein Imperium zu leiten, das sie innerlich längst verbrannt hat. Aber wie lange würde es gut gehen, und wie lange würde niemand nachforschen, was es mit dem plötzlichen Tod einer der mächtigsten Männer der ganzen Westküste auf sich hat?